Synopsis: Glasze, G. (2009): Kritische Kartographie. In: Geographische Zeitschrift, 97(4), 181-191.
Synopsis: Glasze, G. (2009): Kritische Kartographie. In: Geographische Zeitschrift, 97(4), 181-191.
Hauptthemen:
- Karten als soziale Konstruktionen: Karten sind keine neutralen Abbildungen der Realität, sondern spiegeln gesellschaftliche Machtstrukturen und Weltbilder wider und reproduzieren diese.
- Macht der Karten: Karten haben die Macht, unser Denken und Handeln zu beeinflussen, da sie bestimmte Perspektiven und Narrative privilegieren.
- Paradigmen der Kartographie: Der Text stellt drei Paradigmen gegenüber: (1) Karten als Abbild der Wirklichkeit, (2) Karten als Effekte sozialer Strukturen und (3) Karten als Produzenten sozialer Wirklichkeiten.
- Kritische Kartographie: Dieser Ansatz analysiert die sozialen und diskursiven Kontexte sowie die sozialen Effekte der Kartographie und hinterfragt die Annahme, dass Karten objektive Abbilder der Realität sind.
- Digitalisierung und Geoweb: Die neuen Möglichkeiten des Geoweb, wie Google Earth und OpenStreetMap, führen zu veränderten Produktions- und Konsumbedingungen von Karten und erfordern eine kritische Analyse.
Wichtigste Ideen/Fakten:
- Karten sind keine neutralen Abbildungen: "Karten kategorisieren, grenzen ab, ordnen, verorten, benennen und (re-)produzieren damit bestimmte Weltbilder."
- Karten reproduzieren soziale Ordnung: "Häufig dokumentiert der Kartenproduzent genauso eifrig die Konturen des Feudalismus, die Umrisse der religiösen Hierarchien oder die Schritte auf den Stufen der sozialen Klasse wie eine Topographie der physischen und menschlichen Umwelt" (Harley 2004, 10).
- Ethnozentrismus in Karten: Die dominante Position des Eigenen im Zentrum der Karte spiegelt die Machtstrukturen und Weltbilder der Kartenproduzenten wider.
- Evidenzeffekt von Karten: Die Kombination von Text und Bild sowie die Simultanität der Darstellung verleihen Karten eine hohe Glaubwürdigkeit und suggerieren Objektivität.
- Dekonstruktion der Karte: Die kritische Kartographie hinterfragt die impliziten Regeln und Normen der Kartenproduktion, um die Konstruktion von Wirklichkeit aufzudecken.
- Vier Aspekte der Diskursanalyse von Karten: (1) Hierarchien der Darstellung, (2) Kartographisches Schweigen, (3) Geometrien, (4) Symbolik und Ausschmückungen.
- Kritische Kartographie im Geoweb: Es bedarf einer kritischen Analyse der Suchalgorithmen, der Nutzung und Aneignung von Raum sowie der Prozesse der Kartenerstellung im Geoweb.
Fragen für eine Kritische Kartographie 2.0:
- Wie werden Angebote des Geoweb und die neuen georeferenzierten Dienste genutzt?
- Wie sind die Suchalgorithmen gestaltet?
- Wie gestalten sich im Web 2.0 die Prozesse der Kartenerstellung?
Fazit:
Die kritische Kartographie stellt einen wichtigen Ansatz dar, um die Macht der Karten und ihre Rolle bei der Konstruktion von Weltbildern zu verstehen. Die neuen Möglichkeiten des Geoweb erfordern eine Erweiterung dieses Ansatzes und eine kritische Auseinandersetzung mit den digitalen Kartenangeboten.
Historische Entwicklung der kritischen Kartographie
Anfang des 20. Jahrhunderts: Die Kartografie etabliert sich als akademische Disziplin an Universitäten. (Eckert 1907)
1960er Jahre:
- Der deutsche Historiker Arno Peters kritisiert die Mercator-Projektion als eurozentrisch und stellt seine eigene flächentreue Weltkarte vor, die zu heftigen Diskussionen führt. (Peters 1976)
- Die Anfänge moderner Geographischer Informationssysteme (GIS), die räumliche Daten digital erfassen, verarbeiten, analysieren und kartografisch präsentieren.
1970er Jahre: Der Historische Geograph Brian Harley beginnt mit seinen Untersuchungen historischer Karten, die er nicht als reine Abbilder, sondern als gesellschaftliche Dokumente interpretiert.
1980er Jahre:
- Der Genfer Geograph Claude Raffestin fordert eine „Soziologie der Kartografie“. (Raffestin 1985)
- Denis Wood publiziert "The Power of Maps" und betont den Einfluss von Interessen und Macht auf die Kartenproduktion. (Wood 1992)
- Der Einsatz von PCs und Desktop Mapping Software vereinfacht die Kartenerstellung.
1990er Jahre:
- In der englischsprachigen Geographie entwickelt sich eine Debatte über die sozialen Auswirkungen von GIS. Befürchtet wird ein "technocratic turn" und ein Wiederaufleben eines naiven Positivismus. (Smith 1992, Pickles 1995)
- Ansätze einer gesellschaftskritischen Verwendung von GIS ("critical GIS") werden diskutiert, z. B. im Rahmen von Bürgerbeteiligungsprojekten. (O'Sullivan 2006, Harris/Harrower 2006, Pavlovskaya 2006)
Anfang des 21. Jahrhunderts:
- Web 2.0 und Geoweb ermöglichen die interaktive Nutzung und Gestaltung digitaler Karten durch eine breite Masse von Nutzern ("Prosumer"). Die Grenze zwischen Kartenerstellern und Kartennutzern verschwimmt.
- OpenStreetMap, ein kollaboratives Geoweb-Projekt nach dem Wiki-Prinzip, wird ins Leben gerufen.
- Kommerzielle Unternehmen wie Google und Microsoft entwickeln neue kartografische Angebote und georeferenzierte Dienste.
- Virtuelle Globen wie Google Earth und digitale Karten wie Google Maps verändern die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.
- Der Einsatz von GPS-Geräten in Navigationssystemen und Mobiltelefonen ermöglicht ortsbezogene Dienste ("augmented reality") und verändert unsere Orientierung im Raum.
Heute:
- Forschung zur "Kritischen Kartografie 2.0" untersucht die sozialen, kulturellen und politischen Auswirkungen von GIS, Geoweb und georeferenzierten Diensten.
- Es besteht ein Bedarf an Studien, die die Hintergründe und Machtstrukturen der digitalen Kartenproduktion aufdecken.