Synopsis: Michel, B. & Gryl, I. (2021): Kritische Kartographie, kritische Praxis und kritisches Kartieren. In: GW-Unterricht, 164(4), 27-34
Synopsis: Michel, B. & Gryl, I. (2021): Kritische Kartographie, kritische Praxis und kritisches Kartieren. In: GW-Unterricht, 164(4), 27-34
Hauptthemen:
- Kritische Kartographie als akademischer Diskurs und kritische Praxis
- Die Macht der Karten und die Dekonstruktion kartographischer Objektivität
- Kritisches Kartieren als Gegenbewegung und Mittel der Emanzipation
- Didaktische Ansätze und Beispiele für kritisches Kartieren im Unterricht
Wichtigste Ideen und Fakten:
- Die Macht der Karten: Der Beitrag argumentiert, dass Karten nicht neutrale Abbildungen der Realität sind, sondern "Ausdruck und Verstärker gesellschaftlicher Machtverhältnisse" (S. 3). Sie sind Teil von Zeichensystemen und Diskursen, die Weltbilder prägen und soziale Ordnungen reproduzieren. Kritische Kartographie hinterfragt diese Macht und dekonstruiert den "Anschein wissenschaftlicher Neutralität und Objektivität" (S. 3) von Karten.
"Indem sie die seit den 1960er-Jahren in der Kartographie diskutierten semiotischen und kommunikationstheoretischen Zugänge zu Karten mit post-strukturalistischen und postmodernen Autorinnen und Debatten verbanden, nahmen kritische Kartographinnen Karten und Kartographie als Teil machtvoller Zeichensysteme, sozialer Texte, Diskurse und Ideologien in den Blick." (S. 3) - Kritisches Kartieren als Gegenbewegung: Kritisches Kartieren stellt den hegemonialen Karten "andere Karten gegenüber" (S. 5), die marginalisierte Perspektiven sichtbar machen und alternative Raumverständnisse artikulieren. Beispiele sind Counter-Mappings indigener Gruppen oder künstlerische Interventionen, die die Karte als Medium des Widerstands und der Subversion nutzen.
"Kritisches Kartieren kann vor diesem Hintergrund als eine vielschichtige Praxis beschrieben werden, die andere Inhalte visualisiert und damit eine Herausforderung an hegemoniale kartographische Wissens- und Raumproduktionen formuliert." (S. 6) - Didaktische Ansätze: Der Beitrag plädiert für eine kritische Kartenarbeit im Unterricht, die sowohl die Dekonstruktion von Karten als auch die aktive Produktion eigener Karten umfasst. Ziel ist die Entwicklung einer "mündigkeitsorientierten Bildung" (S. 10), die Schüler*innen befähigt, Karten kritisch zu hinterfragen und als Werkzeug für gesellschaftliche Teilhabe zu nutzen.
"Der Ansatz Spatial Citizenship (Gryl & Jekel 2012) führt die Kompetenzanforderungen einer solchen Kartenproduktion mit emanzipatorischer Stoßrichtung (Vielhaber 2000) auf: Neben basalen technischen Fähigkeiten sind dekonstruierende wie reflexive Kompetenzen und inhaltliche Bezüge geographischer Bildung involvierend, sowie kommunikative Kompetenzen der Argumentation, der Aushandlung und der Partizipation notwendig." (S. 7) - Praxisbeispiele: Der Beitrag präsentiert zwei konkrete Unterrichtsbeispiele: Die Wheelmap, eine kollaborative Karte zur Barrierefreiheit, und die Analyse von Tracking-Daten mobiler Apps. Beide Beispiele verdeutlichen die Relevanz von kritischem Kartieren für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen wie Inklusion, Datenschutz und dem "Recht auf Stadt" (S. 9).
"Mit Kritischer Kartographie wird die Karte zudem selbst zum Gegenstand des zu Hinterfragenden. Zunächst einmal ist die Karte ein Beitrag zur UN-Behindertenrechtskonvention (2006), da sie die darin geforderte Inklusion vorantreibt." (S. 9)
Schlussfolgerung: Der Beitrag zeigt, dass Karten mehr sind als nur neutrale Werkzeuge. Sie sind Ausdruck und Verstärker von Machtverhältnissen und können sowohl zur Unterdrückung als auch zur Emanzipation eingesetzt werden. Kritische Kartographie und kritisches Kartieren bieten wertvolle Ansätze, um diese Macht zu dekonstruieren und Karten als Mittel für eine gerechtere und inklusivere Gesellschaft zu nutzen. Die Integration dieser Ansätze in den Unterricht ist essentiell, um Schülerinnen zu kritischen und mündigen Bürgerinnen zu bilden.
Zuletzt geändert: Mittwoch, 11. Dezember 2024, 09:47