Abschnittsübersicht
-
-
Es ist schwierig, von einer ganzen Generation zu sprechen. Wir sind nicht alle gleich, wir nutzen nicht dieselben Technologien und wir stehen künstlicher Intelligenz auch nicht alle gleich gegenüber. Und trotzdem gibt es etwas, das unseren Alltag zunehmend verändert. Es geschah nicht an einem einzigen Tag und auch nicht durch ein bestimmtes Ereignis. Künstliche Intelligenz wurde Schritt für Schritt Teil unseres Lebens.
Wir sind die Generation, die erlebt, wie KI vom Spezialgebiet weniger Expertinnen und Experten zu einem alltäglichen Werkzeug wird.
Für uns bedeutet künstliche Intelligenz längst nicht mehr nur Roboter, selbstfahrende Autos oder komplizierte Computerprogramme. KI befindet sich in unseren Smartphones, in Suchmaschinen, in sozialen Netzwerken, in Navigationssystemen und in den Empfehlungen von Netflix, Spotify oder TikTok. Und seit generative KI für alle zugänglich geworden ist, können wir mit ihr sprechen, Texte verfassen, Bilder erzeugen, Informationen zusammenfassen oder Ideen entwickeln. Wir können das Unmögliche möglich machen.
Wir „gehen“ nicht mehr zu künstlicher Intelligenz. Sie ist einfach da. Allgegenwärtig.
Wenn wir etwas nicht verstehen, suchen wir nicht mehr ausschließlich nach einer passenden Website. Wir fragen eine KI. Wenn wir einen schwierigen Text lesen müssen, lassen wir ihn uns erklären. Wenn wir nicht wissen, wie wir eine E-Mail beginnen sollen, lassen wir uns einen Vorschlag machen. Wenn uns Ideen fehlen, bitten wir die KI um Inspiration.
Dadurch verändert sich auch unser Verständnis davon, was es bedeutet, etwas zu wissen.
Früher war es besonders wichtig, Informationen zu besitzen oder zu wissen, wo man sie findet. Heute wird zunehmend wichtig, die richtige Frage stellen zu können. Wir müssen beurteilen können, welche Informationen stimmen, welche erfunden sein könnten und welche Perspektiven möglicherweise fehlen. Denn eine überzeugend formulierte Antwort ist nicht automatisch eine richtige Antwort.
Wir lernen deshalb nicht weniger. Aber möglicherweise lernen wir anders.
Wir können uns komplizierte Inhalte in einfachen Worten erklären lassen. Wir können nach Beispielen fragen, Übungen erstellen lassen oder eine Erklärung so oft verändern lassen, bis wir sie verstehen. Lernen wird dadurch individueller. Eine Person benötigt vielleicht eine wissenschaftliche Erklärung, eine andere ein alltägliches Beispiel und eine dritte eine Schritt-für-Schritt-Anleitung. KI kann all das innerhalb weniger Sekunden anbieten. KI kann auf jede Person spezialisiert werden.
Aber genau darin liegt auch eine Gefahr.
Wenn eine KI unsere Aufgaben erledigen kann, müssen wir uns fragen, welche Aufgaben wir selbst noch erledigen sollten.
Nur weil eine KI einen Text schreiben kann, bedeutet das nicht, dass wir nicht mehr schreiben lernen müssen. Nur weil sie rechnen kann, bedeutet das nicht, dass wir mathematische Zusammenhänge nicht mehr verstehen müssen. Und nur weil sie uns Informationen liefern kann, bedeutet das nicht, dass wir aufhören dürfen, selbst zu denken. Vielleicht wird gerade das eigene Denken wertvoller.
Denn wir wissen, dass KI Fehler machen kann. Wir wissen, dass sie Antworten erzeugt, die glaubwürdig wirken können, obwohl sie falsch sind. Wir wissen auch, dass die Systeme auf riesigen Mengen menschlicher Daten basieren und dadurch Vorurteile, Ungleichheiten und Fehler übernehmen können.
Deshalb vertrauen wir der KI nicht blind.
Wir überprüfen Informationen, vergleichen Quellen und fragen nach Belegen. Medienkompetenz bedeutet für uns nicht mehr nur, Fake News im Internet zu erkennen. Sie bedeutet auch zu verstehen, wann eine KI hilfreich ist, wann sie irren könnte und wann wir besser selbst recherchieren sollten.
Auch unsere Kreativität verändert sich.
Ein leeres Blatt bedeutet nicht mehr unbedingt, dass wir alleine anfangen müssen. Wir können der KI unsere ersten Gedanken geben und daraus Ideen entwickeln. Wir können Texte gemeinsam überarbeiten, alternative Formulierungen ausprobieren oder völlig neue Perspektiven entdecken.
Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen menschlicher und maschineller Arbeit.
Wer hatte die Idee? Wer hat den Text geschrieben? Ist etwas noch meine eigene Leistung, wenn eine KI mir dabei geholfen hat?
Diese Fragen werden uns wahrscheinlich noch lange beschäftigen.
Besonders deutlich werden sie in Schulen und Universitäten. Jahrelang bestand eine typische Aufgabe darin, Informationen zu recherchieren, zusammenzufassen und daraus einen Text zu verfassen. Heute kann eine KI genau diese Aufgabe innerhalb weniger Sekunden erledigen.
Deshalb müssen wir darüber nachdenken, was Bildung eigentlich erreichen soll.
Soll Bildung überprüfen, ob jemand einen Text produzieren kann? Oder sollte sie überprüfen, ob jemand Zusammenhänge versteht, argumentieren, hinterfragen und eigene Entscheidungen treffen kann?
Vielleicht zwingt uns KI dazu, Lernen neu zu denken.
Wir wollen nicht, dass KI uns das Denken abnimmt. Wir wollen, dass sie uns beim Denken unterstützt.
Gleichzeitig erwarten wir zunehmend Geschwindigkeit. Wenn eine Antwort innerhalb weniger Sekunden möglich ist, fällt es schwer zu akzeptieren, warum bestimmte Prozesse Stunden, Tage oder sogar Wochen dauern. Wir sind gewohnt, Informationen sofort zu erhalten, Texte unmittelbar übersetzen zu können und jederzeit Unterstützung zu bekommen. Damit verändern sich auch unsere Erwartungen an Unternehmen, Bildungseinrichtungen und öffentliche Institutionen.
Warum muss ich ein kompliziertes Formular verstehen, wenn eine KI es erklären könnte? Warum kann ein Lernprogramm nicht auf meine individuellen Schwierigkeiten reagieren? Warum sollte ich mich durch zwanzig Webseiten klicken, wenn Informationen auch übersichtlich für mich zusammengefasst werden können?
Doch Bequemlichkeit hat einen Preis.
KI-Systeme benötigen Daten. Sie benötigen enorme Rechenleistung und Energie. Sie werden größtenteils von einigen wenigen großen Technologieunternehmen entwickelt. Deshalb stellen sich Fragen nach Datenschutz, Macht, Urheberrecht und Nachhaltigkeit.
Wer entscheidet, wie diese Systeme funktionieren?
Mit welchen Daten wurden sie trainiert?
Wessen Wissen wird sichtbar – und wessen Wissen fehlt?
Wer profitiert wirtschaftlich davon?
Und was passiert mit den Menschen, deren Arbeit teilweise oder vollständig automatisiert werden kann?
Wir können diese Fragen nicht einfach den Entwicklerinnen und Entwicklern überlassen. Künstliche Intelligenz ist längst keine rein technische Angelegenheit mehr. Sie betrifft Bildung, Arbeit, Politik, Wirtschaft, Kultur und unseren Alltag.
Deshalb müssen wir lernen, mit ihr umzugehen.
Verbote allein werden nicht funktionieren. KI wird nicht wieder verschwinden, nur weil wir sie aus einem Klassenzimmer oder einer Prüfung ausschließen. Genauso wenig sollten wir sie jedoch unkritisch in jeden Lebensbereich integrieren, nur weil es technisch möglich ist.
Wir brauchen Regeln. Wir brauchen Transparenz. Und vor allem brauchen wir Kompetenzen.
Wir müssen wissen, wann KI sinnvoll eingesetzt werden kann und wann nicht.
Vielleicht sind wir irgendwann die letzte Generation, die sich noch genau daran erinnert, wie es war, bevor generative KI selbstverständlich wurde. So wie sich heute manche Menschen noch an eine Zeit ohne Internet oder Smartphones erinnern.
Für die Generationen nach uns könnte die Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz vollkommen normal sein.
Sie werden vielleicht nicht mehr darüber sprechen, ob sie „KI verwenden“. Genauso wie wir heute meistens nicht mehr darüber sprechen, ob wir „das Internet verwenden“, wenn wir eine Nachricht verschicken, eine Route suchen oder Musik hören.
KI wird dann einfach Teil ihrer Umgebung sein.
Die entscheidende Frage wird deshalb nicht sein, ob wir künstliche Intelligenz nutzen.
Die entscheidende Frage wird sein, wie wir sie nutzen.
Wir wollen eine Technologie, die Menschen unterstützt, ohne ihnen ihre Entscheidungen abzunehmen. Eine Technologie, die Wissen zugänglicher macht, ohne kritisches Denken überflüssig zu machen. Eine Technologie, die Kreativität ermöglicht, ohne menschliche Kreativität zu ersetzen.
Wir sind nicht die Kinder der künstlichen Intelligenz.
Aber wir sind vielleicht die Generation, die lernen muss, mit ihr erwachsen zu werden.
-